Studioausstellung im Keramikmuseum Staufen:
GEFÄSSE FÜR EIN BESSERES LEBEN
Staufen, 30.8.-14.10.2007
Eröffnung 30. August 2007 um 19.00 Uhr
Meine Damen & Herren!
Es ist selten geworden, sehr selten, daß ein junger Keramiker eine Ahnung davon hat, was in Deutschland im 20. Jahrhundert keramisch sich zugetragen hat, der die großen und kleinen Namen zu nennen, der um die stilistischen Entwicklungen der handgearbeiteten Keramik weiß, die man für eine Zeitlang in Anlehnung an die englischen Begrifflichkeit „Studiokeramik“ nannte – und der mit seiner eigenen Arbeit sich auf diese Geschichte bezieht und nicht einfach davon ausgeht, daß das, was er tut, einem Geniestreich gleich, in einem voraussetzungslosen Raum stattfindet. Lutz Könecke ist solch ein seltener Fall. Dabei hat er sich um dieses Wissen, diesen innigen Bezug zu der historisch heute zugegebenermaßen nicht ganz einfach zugänglichen Geschichte der Keramik nicht einmal besonders bemühen müssen – Keramik war, auf die eine oder andere Weise, einfach immer schon Teil seines Lebens. Keramische Gefäße, das Handwerk der Töpferei, ja die Geschichte der modernen deutschen Keramik des 20. Jahrhunderts durchziehen die Familiengeschichte des 1973 Geborenen seit Generationen – man erschrickt ja fast über das genealogische Gewicht: Der Urgroßvater Lutz Köneckes war kein geringerer als Otto Lindig, den der Urenkel zwar nicht mehr kennengelernt hatte, der aber durch die in Familienbesitz befindlichen Gefäße von seiner Hand, durch Erzählungen der Mutter und Tante als Figur der Keramik-, ja der Kunstgeschichte immer in der Familie präsent war. Otto Lindig – eine der großen Persönlichkeiten der Keramik des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Hause hier im Keramikmuseum kein Unbekannter, war er doch der Lehrer Egon Breggers. Lindig selbst war am Bauhaus in Weimar ausgebildet und leitete dann die Keramikwerkstatt der Weimarer Avantgarde-Kunstschule und betrieb jene nach dem Weggang des Bauhauses nach Dessau selbständig weiter, übernahm nach dem 2. Weltkrieg die Leitung der Keramikklasse an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und wurde einer der großen Erneuerer und Lehrer der deutschen Keramik. Seine Gefäße wurden zum Inbegriff dessen, was als Bauhaus-Keramik Berühmtheit erlangte. Auf Lindigs frühe Experimente mit Kannenformen nehmen Lutz Köneckes große montierte Kannenobjekte, von denen einige in dieser Ausstellung zu sehen sind, direkt Bezug. Doch mit diesem großen Vorfahr ist der Familienbezug der Köneckes zur Keramik keineswegs erledigt: Die Großtante Rosemarie Könecke war ebenfalls Töpferin, ausgebildet bei Helma Klett in Fredelsloh, auch die Mutter Ulrike Könecke war Töpferin, und der Vater schließlich ist ein passionierter und engagierter Sammler von Keramik. Die so schon erblich zu nennende Nähe zur Keramik ließ, nach einer abgeschlossenen Ausbildung als Elektroinstallateur und einigen weiteren beruflichen Such-Stationen, bei Lutz Könecke den Wunsch, ebenfalls im Bereich der Keramik tätig zu sein, unabweislich werden. Freilich hatte er durch seinen Umgang mit der Keramik derart bestimmte Vorstellungen von Keramik, auch konnte er schon drehen, daß für ihn eine reguläre Töpfer-Lehre kaum noch in Frage kam: Im Jahr 2000 entschließt sich der 27jährige zur Bewerbung an der Kunsthochschule Kassel – eine der wenigen Kunsthochschulen in Deutschland, die noch eine Keramikklasse im Bereich der Bildenden Kunst unterhielten – mittlerweile ist auch diese Ausbildungsmöglichkeit verschwunden. Lutz Könecke traf die Wahl der Hochschule gerade mit Blick auf die Geschichte der modernen Keramik: Die Kasseler Klasse hatte einen legendären Ruf. Von 1954 bis 1977 stand sie unter der Leitung von Walter Popp, der durch seine für die damalige Zeit extremen Gefäßmontagen das Gesicht der deutschen Nachkriegskeramik entscheidend veränderte und als Lehrer so folgenreich wie vermutlich kein anderer der großen im Bereich der zeitgenössischen Keramik Lehrenden – Lindig in Hamburg, Bontjes in Berlin und dann ebenfalls in Hamburg oder Hubert Griemert in Höhr-Grenzhausen – wurde: Die von Popp geprägte „Kasseler Schule“ war zahlreich und erkennbar wie keine andere Schülerschaft und galt durch die 60er und die 70er Jahre als Hort der jungen keramischen Avantgarde in Deutschland. Popps Klasse wurde seit 1980 von dessen Schüler Ralf Busz weitergeführt und der ausdrückliche Gefäßkeramiker und Glasurspezialist Ralf Busz sollte dann auch Lutz Köneckes erster Professor werden. Daß es schon 2000 alles andere selbstverständlich war – heute, kaum mehr als ein halbes Jahrzehnt später, ist wegen der erfolgten Schließungen von Keramikklassen an deutschen Hochschulen praktisch unmöglich – von einer Kunsthochschule aufgenommen zu werden, wenn man den Wusch hegte, seine Arbeit dem keramischen Gefäß zu widmen, davon legt Lutz Könecke Zeugnis ab in einem kritischen, auch selbstkritischen und dabei nicht unamüsanten Bericht, den er auf seiner Homepage veröffentlicht hat unter dem Titel „Fünf Jahre an der Kunsthochschule Kassel – Ein Resümee“, den ich Ihnen, so Sie Zugang zum Internet haben, wärmstens empfehlen möchte. En passent bekommt man hier eine eindrückliche Schilderung davon, wie abfällig, aber auch ratlos eine Institution der Bildenden Kunst mit dem Bereich der zeitgenössischen Keramik umgeht: So war es denn aus der Sicht der Kunsthochschule nur konsequent, nach Ralf Busz` Ausscheiden 2004 die Keramikklasse abzuschaffen, ein Vorgang, der in der bundesdeutschen Hochschullandschaft leider andernorts ebenso passierte. Ab 2004 muß Lutz Könecke, ebenfalls einigermaßen ratlos ob seiner Position innerhalb der Kunsthochschule, sich anderweitig um Verständnis bemühen. Er hat freilich Glück und findet in Prof. Urs Lüthi, der selbst kein Keramiker und in den Bereichen der Performance, der Fotographie, der Malerei und Objektkunst tätig ist, einen Bildenden Künstler, der Köneckes Ambitionen in der Gefäßkeramik mit großer Offenheit unterstützt und akademisch trägt. 2005 schließt Lutz Könecke sein Studium ab, wird anschließend Meisterschüler bei Lüthi – seit 2007 hat er eine eigene Werkstatt in Kassel.
Lutz Köneckes keramische Arbeit ist bestimmt vom Thema des auf der Töpferscheibe gedrehten Gefäßes, das er aber als Gebrauchsgegenstand nicht einfach wiederholt, sondern historisch reflektiert und zugleich als Objekt in der Art seiner Präsentation konzeptuell ästhetisiert. Die Auseinandersetzung mit dem Werk des großen Kasseler Lehrers Walter Popp, der mit seinen Gefäßmontagen das Gesicht der Keramik nach 1945 revolutionierte, brachte Könecke dazu, sich ebenfalls des Mittels der Montage zu bedienen. Freilich tut er dies wesentlich kühler, als es je Popp getan hat: Gab der nämlich in seinen Montagen zunehmend die achsiale Rotationssymmetrie zugunsten einer bewegten Expressivität auf, opulent unterstützt noch von einem geradezu exzessiven und an die informelle Malerei gemahnenden Einsatz starkfarbiger Glasuren, geht Könecke geradezu konzeptuell vor, behält stets die Achsialität bei und bleibt in der Glasurbehandlung seiner Gefäßmontagen geradezu neutral unfarbig. Die Verwandtschaft der formalen Mitteln mit denen Popps freilich ist unverkennbar. Zumeist sind es zwei, sauber und sorgfältig gedrehte, gleichartige Schalen- oder Vasenformen, die Könecke spiegelbildlich an den Füßen oder an den Öffnungen zu einem Gesamtgefäß zusammenfügt – seltener werden ungleichartige Elemente, machmal auch mehrere solcher einzelnen Drehelemente gereiht, wodurch stets ein eigenartiger Eindruck, changierend zwischen einer so gebauten Gesamtform und deren einzelnen Elementen, entsteht – Lehrstücke gleichsam von Grundprinzipien rotationssymmetrischer Körper – eine Methode der seriellen Reihenbildung, die mit ihren Prinzipien der Formwiederholung und -umkehrung Analogien zu gewissen Kompositionstechniken der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts aufweist. Zu Gruppen gestellt und sorgfältig arrangiert geraten die so gebildeten Gefäße dann zu Ensembles und Installationen, die ehr anschaulich über Formbildung und Formwandlung keramischer Gefäße nachdenken lassen, als daß sie noch zu einem Gebrauch einlüden. Ganz extrem tritt dieser Effekt der Distanzierung da ein, wo Könecke seine Arbeiten in dazugehörige Vitrinen platziert, sie damit vollends einem Gebrauch, ja sogar der Berührung entzieht und sie zu reinen Anschauungsobjekten macht – ein ausstellungstechnischer Kunstgriff, der durch forcierte Rahmung und repräsentative Isolierung der Gefäße ihre Wahrnehmung als Besonderheiten erzwingt. Was derart aus der Welt ausgeschnitten wird gleichsam zum Symbol seiner selbst, zum Exemplum einer Gattung. Dieser Zug zur reflexiven Ästhetisierung der schweren, dickwandigen, oxidierend gebrannten Steinzeug-Gefäße, bei der es vielleicht gar nicht in erster Linie um das Einzelobjekt geht, wird noch unterstützt durch die weitgehende Beschränkung auf matte weiße oder schwarze Glasur, die, ohne jede ablenkende Chromatik, allein die Form betont und hervortreten läßt. Ein weiteres Mal klingt, vielleicht sogar unbeabsichtigt, hier die Geschichte der Keramik des 20. Jahrhunderts nach, gemahnt doch die glasurtechnische Beschränkung auf mattes Schwarz und Weiß an die berühmte Serie strenger Gefäße, die nach Entwürfen von Jan Bontjes van Beek, dem Nachfolger Otto Lindigs an der Hamburger Hochschule, von der Firma Ungewiß von den frühen 50er bis in die 80er Jahre hergestellt worden ist. So verbindet sich in Lutz Köneckes keramischer Arbeit der Widerschein verschiedener moderner keramischer Traditionen mit einer zeitgemäß aufgeklärten und ernüchterten Ästhetik, der aber nichtsdestotrotz ein durchaus utopisches Moment innewohnt – der Wunsch nach einer besseren Gesellschaft, die Sinn hat – oder doch zumindest zu entwickeln bereit ist –, keramischen Formen, Gefäßen ebenso viel Aufmerksamkeit zu schenken und zu widmen, wie sie anderen ästhetischen Phänomenen zukommen läßt.
Meine Damen & Herren – die heutige Ausstellung ist keinem Meister der Keramik gewidmet, sondern einem Keramiker, der am Beginn seines Weges steht, den er aus Liebe zur und im Wissen um die Sache der Gefäßkeramik eingeschlagen hat, durchaus ambitioniert und doch auch mit jenem Gran Naivität, das nötig ist, sich einer heute so marginalen Sache wie der Gefäßkeramik zu verschreiben. Gerade deshalb bin ich sicher, daß Lutz Könecke seinen Weg weitergehen wird – so er freilich ein Publikum findet, das ihm zu folgen oder, je nach Perspektive, entgegenzukommen bereit ist. Seien Sie ihm ein solches...
Walter H. Lokau, Berlin