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KeramikklasseHandwerkliche Arbeit, das Handwerk allgemein, steht schlecht im Kurs. Man sagt sogar, es sei bereits gestorben. Zwar wird einigen Handwerken, so vor allem dem Töpferhandwerk, immer noch ein gewisses Interesse entgegengebracht, aber dieses wohlwollende Ansehen, das es da und dort genießt, ist ein verdächtig sentimentales, ein unwirkliches. Die Wirklichkeit, das ist vielmehr die Technik. Für den »Tüchtigen« hat sich die Werkstattarbeit in die Entwurfsabteilung, an das Reißbrett verlagert. Ihm, dem Auf-der-Höhe-der-Zeit-Stehenden, muß es romantisch rückständig erscheinen, wenn noch immer Menschen bereit sind, in eignen kleinen Werkstätten ihrer handwerklichen Arbeit zu leben, sich Einschränkungen mancherlei Art aufzuerlegen, nur um für sich einen größeren Teil individueller Freiheit zu wahren. Und von hier aus könnte man auch fragen, ob man nicht aufhören sollte, Menschen handwerklich auszubilden, ob es nicht besser wäre, ihnen diese »romantische Idee« auszureden. Ich bin dieser Meinung nicht. Die lebendige Arbeit der Werkstatt ist wichtig, ja ist unentbehrlich, und gerade die vielschichtige Ausbildung in ihr. Sie gibt das Rüstzeug, dessen gründliche Kenntnis, bis zur Selbstverständlichkeit richtige Handhabung, notwendig ist, um zur eigentlichen, der gestalterischen Aufgabe vorzukommen. Diese handwerkliche Arbeit öffnet hier das Wesen und Werden der Dinge. Sie steht im Gegensatz zu der auf Rationalisierung und Spezialisierung bedachten industriellen Fertigung. In der handwerklichen Arbeit ist die Möglichkeit zur Entwicklung, zum Wachstum der schöpferischen Fähigkeiten, zur Gestaltung der Persönlichkeit gegeben. Das Töpferhandwerk gehört zu den formschaffenden, zu den im wahrsten Sinne schöpferischen Handwerken. Diese handwerkliche Arbeit fordert den ganzen Menschen, sein gesamtes Fühlen und Denken, und im ständigen Ringen mit den tausend Schwierigkeiten, die das Material und die zahlreichen Unsicherheitsfaktoren des gesamten Arbeitsvorganges bieten, wird wiederum dieses Fühlen und Denken befruchtet und geformt. Hier wird nicht erfunden und gebastelt, hier arbeiten Hirn und Herz, das Gebilde wächst unmittelbar aus den fühlenden Händen, fast ohne jedes Werkzeug und ohne zwischengeschaltete, die Ursprünglichkeit des Geschauten schwächende Mechanik. Die Bedeutung, die eine solche Tätigkeit für die Ausbildung - besser: Erziehung des Menschen hat, der einmal »formgebend« wirken soll, ist unschätzbar. Die »Ausbildung« im industriellen Betrieb kann nie in diesem Sinne die Ganzheit des Schaffensprozesses offenbar werden lassen. Viel eher verkümmern da die etwa vorhandenen Anlagen, das Wesen der Gestaltung selbst zu spüren. Eingespannt in den Ablauf des in Einzelhandgriffe zerlegten Arbeitsprozesses schwindet das Wundern, das Fragen und die Achtung. Vielleicht liegt hier einer der Gründe, warum selbst die erstaunlichsten Leistungen der Technik keine Verwunderung mehr erregen. Gesunde Skepsis? Aber Skeptizismus ohne rechten Grund ist dümmster Snobismus. Die Erziehungsarbeit ist eine sehr wichtige Aufgabe der Werkstätten. Gar nicht zu überschätzen ist die Bedeutung, die der schöpferischen Arbeit des Handwerks zukommt. Von da gehen jene Kraftströme aus, deren sich der industrielle Betrieb bedienen kann und immer bedient hat, sei es durch direkten Auftrag, lediglich durch Anregung, oder sei es auch nur durch Schielen nach den Experimenten und dem Formenreichtum des Handwerkers. Wie es geschieht, ist gleichgültig, wichtig nur, daß diese Kraftquellen da sind, daß noch Menschen da sind, deren Lebens- und Arbeitsweise der schöpferischen Gestaltung Raum läßt. In der Möglichkeit des freien Spiels mit der Form, im Suchen, Verwerfen, Finden - in der Freiheit und der Ursprünglichkeit liegt der Reichtum des Handwerks gegenüber dem Fabrikbetrieb, der nur nach genauem Fahrplan und auf festverlegten Gleisen rationell arbeiten kann. In den sehr lebendigen Jahren nach dem ersten Weltkrieg sahen auch Industrielle solche Notwendigkeiten. Angeregt durch die Arbeit des Bauhauses Weimar richtete sich eine große Steingutfabrik in Velten (Dr.Harkort) innerhalb des Betriebes eine kleine Werkstatt ein, in der Töpfer, unabhängig von der Fabrikproduktion - mit dem Ziel, lebendige Anregung für diese zu erhalten - frei handwerklich arbeiteten. Damals wurde auch der Ausspruch geprägt, daß die Werkstätten der Handwerker die Laboratorien für die formale Gestaltung seien. Und diesen Sinn wird handwerkliches Schaffen auch beinhalten, so lange wir mit Berechtigung von Kultur sprechen. Die blitzenden Hähne der Wasserleitungen in unseren Wohnungen sind eine erfreuliche Sache. Wenn aber deren Verbindung zu den dunklen Tiefen unterbrochen wird, werden sie zur sinnlosen Spielerei. Otto Lindig, 20.2.1956 Texte aus: Otto Lindig, Otto Rohse Presse Hamburg, 1977 |
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