Otto Lindig
Der seit der Jahrhundertwende unternommene Versuch, das Handwerk zu erneuern, kann im großen und breiten als gescheitert angesehen werden. Die Persönlichkeiten, die sich ihm mit allen Kräften hingaben, haben dennoch für sich einen nachhaltigen Gewinn errungen. Dies vor allem in der Weberei, Goldschmiede und Töpferei. Wer heute diese Bahn beginnt, tut es schon mit dem Mut der Verzweiflung oder aus jugendlichem Mangel an Bewußtsein; vor einem Lebensalter glaubten wir wirklich noch an die Heraufführung eines echteren besseren Lebens.
Damals in den ersten Tagen des Weimarer Bauhauses, als es noch gärend nicht die uniforme Perfection seiner Spätzeit erreicht hatte, konnte es sich ereignen, daß ein Meisterschüler der Bildhauerei an der akademischen Kunst verzweifelte. Auch er suchte, wie wir alle damals, in der Prüfung einer neuen Zeit »wesentlich« zu werden. Es war wirklich etwas von dem Willen da, alles zu verkaufen, um die köstliche Perle zu erlangen. Wie aber? Für einen Bauhäusler war »Kunstgewerbe« ein Schimpfwort und die modischen Sensationen sind angenehm aber kurzlebig - die Seele können sie nicht befriedigen.
Lindig wählte den Weg der Unscheinbarkeit, der am Ende zu einem Bezugschein für das »Hemd des Glücklichen« berechtigt. Im Märchen soll der König von seiner Schwermut durch Tragen des Hemdes eines Glücklichen geheilt werden; der einzige Glückliche in seinem Reich - ein Hirte - trägt leider keins. Könnte man nicht den Bauch eines Gefäßes zum Atmen bringen ebenso gut wie den Leib einer Figur? - So kam er in die eben etablierte Bauhaustöpferei nach Dornburg.
Die Lehre bei Krehan - dem letzten Thüringer Meister - war hart und begriff in sich Holz spalten (was für Mengen für den alten Kasseler Ofen!),Ton graben und Abortgrube ausleeren. Nichts wurde geschenkt und der Futternapf war auch damals klein. Die Anregungen der Formmeister wurden kritisch aufgenommen und in's Handwerk übersetzt; das ländliche Leben schützte vor Verstiegenheit und Zersplitterung.
Man kennt Goethes Bemerkung über Pygmalion und dessen Arger über die Erfindung der Töpferscheibe: alle Mechanik legt sich als Bremsklotz zwischen Empfindung und Gestaltung. Gewiß sind die edelsten Vasen modelliert und nicht gedreht worden. Dennoch: für die Entstehung des Gefäßraumes ist die Benutzung der Centrifugalkrafl der selbstverständliche Weg und die Kugel (diesmal nicht der Cubus, der in Weimar gepredigt wurde) ist die Urform aller Töpfe.
Mit der Beherrschung des Handwerks wuchs der Mut zum Experiment: Herrliche Ungeheuer von Kannen und Töpfen gingen aus Lindigs Hand hervor, immer doch war das Phantastische zu einer fast eleganten Form gebändigt. Im bürgerlichen Leben war für solche Geschöpfe natürlich keine Verwendung.
Und für's wirkliche Leben sollte ja gearbeitet werden. So ebbte also dieser überschwang in der Küche ab, wo die Hausfrau jeden neuen Ankömmling auf seine Brauchbarkeit unbarmherzig prüfte.
Aus diesem Läuterungsprozeß gingen allmählich klassische Formen hervor, allen Anforderungen der Hände und Augen und Lippen gewachsen.
Die Form blieb - im Gegensatz zu allen sonst und seither entstandenen Vasen, die man in Läden sehen kann, die Hauptsache, realisiert durch einen untadelig hoch gebrannten Scherben. Der verlangte die veredelte Glasur. Die alten Töpfe waren mit Bleiglätte, Salz, Eisen, Kupfer und Zinn ausgekommen, wozu noch Begußton als Farbe kam: primitive Geheimnisse. Nun wurde auch da experimentiert zur Augenlust und möglichst ohne den technischen Apotheker. Viele Stücke sind aus dem Ofen gekommen, die sich getrost neben östlicher Keramik sehen lassen können. Auch dem Geist der Zeit wurde nebenbei geopfert in dem Bemühen um die einfachste Form gießbarer Massenfabrikate.
Als das Weimarer Bauhaus aufflog, spaltete sich die Töpferei - ein Zweig ging nach Halle - Lindig blieb in Dornburg allein zurück. Der Ruf der Bauhaus-Töpferei war gefestigt und hielt durch Jahrzehnte klösterlicher Einsamkeit - auf der Leipziger Messe traf man sich mit anderen Bauhäuslern, die nun über ganz Deutschland verstreut waren. Die schlimmen Zeiten des 3. Reiches wurden abgelöst durch die schlimmeren der Volksdemokratie. Schließlich entschloß sich Lindig, sein liebes altes Dornburg aufzugeben und in Hamburg neu aufzubauen.
Gerhard Marcks, Köln, 20.1.1951
Texte aus: Otto Lindig, Otto Rohse Presse Hamburg, 1977